LesungenDas schwarze Brett 2Gottesdienste

Blindheit

Es war einmal ein Huhn, Klara genannt, das lief aufgeregt gackernd am Zaun entlang, denn es wollte zu dem Futter, das auf der anderen Seite lag.
Klara war schon dem Verhungern nahe, und so versuchte sie alles Mögliche: Sie probierte über den Zaun zu fliegen, doch er war zu hoch. Sie suchte eine Lücke, doch es gab keine. Sie stieß mit aller Kraft gegen den Zaun, doch er gab nicht nach. So rannte sie in immer größerer Panik hin und her, bis sie tot umfiel.
Das einzige, was sie nicht getan hatte, war, sich ein paar Meter vom Futter und dem Zaun zu entfernen. Denn dann hätte sie entdecken können, dass der Zaun nach 10 Metern Breite aufhörte ...
                                                                aus: Marco von Münchhausen / "Wo die Seele auftankt".
                                                                       Bild: Doris Michael in Pfarrbriefservice.de
Für mich ist das eine Geschichte mit hohem Erkenntniswert: Wie oft sind wir so aufgebracht, aufgewühlt oder durcheinander, dass die einfachsten Dinge nicht mehr erkannt werden? Einfach mal durchatmen und dann neu überlegen....
Unser Bischof riet vor Jahren zu einer Atempause für diözesane Projekte und konzeptionelle Strategien, die notwendig sei. Bevor immer weiter und immer schneller getagt und getagt würde, um die Zukunft des Bistums und die Zukunft der Pastoral und der Gemeinden vorab zu beschreiben, solle erst einmal eine Pause gemacht werden. Die Dinge sacken lassen und dann mit Ruhe und einigem Abstand dann noch einmal anzuschauen und vielleicht ganz anders zu beurteilen als im Hype der immer schnelleren Sitzungen und runden Tische und, und und...
Entschleunigen, auch ohne Corona- um das Wesentliche wieder zu sehen, um zu erkennen, dass der Zaun keine endlose Gerade bildet, sondern nach einigen Metern rechts und links aufhört....
Übrigens: nach einer Definition von J.B. Metz ist die kürzeste Umschreibung für Religion: "Unterbrechung". Stopp sagen, pausieren...und dann eine neue Sichtweise einbringen, nicht das ewig Gesagte und Praktizierte einfach immer weiter machen, sondern von der Botschaft Jesu und dem Blick Gottes aus neu hinschauen und Neues aussagen.

Kraftquellen vor Ort - von Andrea Schwarz

Nach meinem Vortrag zum Thema „Kraftquellen, aus denen ich lebe“ auf der Insel Spiekeroog saßen wir im kleinen Kreis noch ein wenig beieinander – „hinter’m Turm“. Die Kirche St. Peter liegt am Westrand des Ortes und wenn man auf die andere Seite der Kirche geht, hat man nur noch die Dünenlandschaft vor sich – und die Weite des Himmels.
Der Wind hatte aufgefrischt – die Wolken zogen schnell, wechselten Form und Farbe, letzte Reste von Tageslicht hingen am Horizont. Langsam brach die Dunkelheit herein, der Abendstern zeigte sich – und dann ging im Süd-Osten der Vollmond auf. Ab und an aus der Ferne der Ruf eines Vogels, leise, ruhige Gespräche, ein Glas Wein … aber immer wieder ging mein Blick in die Weite hinaus, über der das Licht des Mondes lag.
Fast war es wie eine konkrete Umsetzung dessen, was ich im Vortrag gesagt hatte: Orte und Zeiten können Kraftquellen sein, wenn ich sie bewusst wahrnehme, Weggefährten sind wichtig, mit denen ich im Glauben an Gott verbunden bin, auch wenn sich die Wege vielleicht nur für einen Abend kreuzen. Den Rhythmus von Tag und Nacht erleben, die Faszination der Natur … in dieser Stunde kam vieles zusammen, was einfach gut tat, Frieden schenkte, Balsam für die Seele war.
Als es kühl wurde, löste sich die Runde auf, aber ich stand noch lange draußen, schaute den Wolken zu, dem Licht des Vollmondes – und sah auch noch eine Sternschnuppe.
Am nächsten Morgen, in den Häusern war noch alles ruhig, saß ich mit einem Tee vor der Tür. Zur Kirche führt ein Plattenweg, etwa drei Meter breit, rechts und links davon wachsen wilde Gräser, circa 30 cm hoch. Plötzlich entdeckte ich den kleinen Kopf eines Vogels, der sich für einen Moment hochreckte und wieder verschwand – und einen halben Meter entfernt noch einen kleinen Kopf. Und dann stand da plötzlich am Rand des Weges eine Fasanenhenne, sicherte circa eine Minute, trippelte dann bis zur Mitte des Weges und blieb da stehen. Neugierig beobachtete ich, was jetzt wohl passieren würde. Aus dem Gras tauchte ein Küken auf, rannte zur anderen Seite und versteckte sich da sofort wieder. Die Henne blieb in der Mitte stehen – und dann kam ein zweites Küken, riskierte den Übergang – und weg war es. Die Henne machte einige Schritte zur anderen Seite, schaute sich aber nochmal um. Und dann kam schließlich noch ein drittes Küken, so ein kleiner Nachzügler, und als es in Sicherheit war, tauchte auch die Henne wieder in das hohe Gras ein – und von der kleinen Familie war nichts mehr zu sehen.
Ich musste schmunzeln … die Szene erinnerte mich doch sehr an die Schülerlotsen vor unseren Schulen! Und dieses Geschenk der Natur, die umsichtige Fasanenmutter und ihre drei Küken – das war grad noch einmal so eine Kraftquelle am frühen Morgen.
Mit diesem Lächeln und dem Frieden der nächtlichen Vollmond-Stunde im Herzen konnte ich dann auch wieder gut mit der Fähre zurück aufs Festland und in meinen Alltag fahren.
Um solche Kraftquellen zu entdecken, muss man gar nicht erst groß in den Flieger steigen, die liegen manchmal ganz einfach direkt vor der Tür … 
                                    Artikel als Blog veöffentlicht auf der Internetseite des Bistums Osnabrück                                         Foto: Nikolas Loth in www.Pfarrbriefservice.de

Unterscheidung

Nicht was du hast

oder wer du bist

oder wo du bist

oder was du tust,

macht dich glücklich

oder unglücklich,

sondern wie du

dazu stehst. 
                                                                    Dale Carnegie in "Frau und Mutter Nr 07.08.2020

Komisch

Komisch, dass 100 Euro so viel scheinen, wenn man sie für einen guten Zweck spenden soll, aber so wenig, wenn man einkaufen geht.
Komisch, wie lange es dauert, eine Stunde im Gottesdienst zu sein, aber wie schnell 90 Minuten Fußball oder ein Krimi im Fernsehen vergehen.
Komisch, wie schwierig es ist, anderen etwas aus der Bibel zu erzählen, aber wie einfach es ist, Klatsch und Tratsch zu verbreiten.
Komisch, dass wir oft nicht wissen, was wir beten sollen, aber dass wir unserem Freund immer etwas zu erzählen haben.
Komisch, wie schwierig es ist, in der Heiligen Schrift zu lesen, aber wie einfach es ist, 100 Seiten aus einem Bestseller zu verschlingen.
Komisch, dass Menschen in einem Konzert liebend gern in den vorderen Reihen sitzen, sich aber in der Kirche in die letzte Reihe quetschen.
Komisch, wie rasend schnell sich Witze im Internet verbreiten, aber wenn jemand anfängt, Nachrichten über Gott mitzuteilen, stockt die Verbreitung.
Komisch, dass wir der Zeitung glauben, was sie schreibt, dass wir die Worte der Bibel jedoch infrage stellen.
Komisch, dass wir zwei oder drei Wochen Vorplanung brauchen, um ein kirchliches Ereignis in unsere Planungen aufzunehmen, an anderen Ereignissen jedoch noch im letzten Augenblick teilnehmen.
Komisch, dass wir uns mehr Gedanken darüber machen, wie die Menschen über uns denken als darüber, wie Gott über uns denkt.
Komisch, dass viele in den Himmel kommen wollen –Hauptsache, man muss nicht glauben und nicht denken, nichts sagen und nichts tun.

Quelle: Bardeler Fastenmeditationen 2019, Seite 28.
Bild:question-mark-2123967_1920_by_terovesalainen_cc0-gemeinfrei_pixabay_pfarrbriefservice.jp

Nie wieder? - Zwischen Judenhass und Judenhetze

Das neue Heft der Franziskanermission beschäftigt sich mit dem Thema "Was ist Wahrheit? Populismus weltweit". Darin ist auch eine Predigt von Pater Wessel, die er am 9. November gehalten hat. Angesichts immer neuer Fälle von Judenhass und Rassismus ist sie es wert, hier wiedergegeben zu werden:

<< Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ging als die »Reichskristallnacht« in die Geschichte ein. Es war die Zeit, als das Kreuz Haken bekam, und dieses Kreuz brachte die Hölle: Eingeschlagene Fenster, zerfetzte Gardinen, Möbel wurden auf die Straße geworfen. SS-Leute trieben Juden barfuß durch Glassplitter. Die Synagoge in Dortmund-Hörde wurde in Brand gesteckt, die in Dortmund-Dorstfeld demoliert, die Große Synagoge in der Stadt, wo heute das Stadttheater steht, wurde schon vorher halb abgerissen. Behinderte verschwanden über Nacht. Die Presse feierte das Ganze als »spontane Erhebung«. 1.039 Dortmunder Juden starben in den folgenden Jahren in den Konzentrationslagern.
Immer wieder kann man hören: »Was habe ich mit dem Holocaust zu tun? Ich war doch noch ein Kind.« Oder: »Ich lebte doch noch gar nicht. Irgendwann muss man unter dieses Kapitel doch mal einen Schlussstrich ziehen.« Aber genau das dürfen wir nicht. Für den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist Erinnerung die Voraussetzung für Versöhnung. Man muss davon reden, weil es immer wieder neue »Sündenböcke« gibt: Mal sind es die Türken, die Schwarzen, die Schwulen, dann sind es die »Bullen«, die Hartz IV-Empfänger. Und nicht nur die! Ich denke an Journalisten, die eingeschüchtert werden sollen. Ich denke an eine offizielle Anfrage der Rechten, vor längerer Zeit an den Rat unserer Stadt gerichtet, wie viele Juden in Dortmund wohnten und wo. Spüren Sie die Provokation? Ich denke an Bürgermeister, die aus Angst um ihre Familie ihr Amt aufgeben. An Politiker, die Morddrohungen bekommen, die auf Todeslisten stehen, wie in diesen Tagen Claudia Roth oder Cem Özdemir, der eine E-Mail erhielt, in der steht: »Zur Zeit sind wir am Planen, wie und wann wir Sie hinrichten. Vielleicht bei der nächsten öffentlichen Kundgebung.« Ich denke an den Hass aus tausend Kehlen, an Runenschriftzüge der Nazis, die erneut auf Bomberjacken und Plakaten erscheinen. Ich denke daran, dass »Du Jude!« auf Schulhöfen wieder ein Schimpfwort geworden ist. Von irgendwoher müssen die Kinder das ja haben.
Noch deutlicher: Wenn ein Politiker aus der Führungsriege der AfD den Holocaust einen »Vogelschiss der Geschichte« nennt oder ein anderer das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden ein Denkmal der Schande«, dann fragt man sich: Heißt das »Nie wieder!« damals 1945, als Deutschland in Schutt und Asche lag? Mit Scham und Reue gesprochen: Heißt dieses »Nie wieder!« noch nie wieder? All die vielen, die jüngst wieder, aus welchem Grund auch immer, die AfD gewählt haben, die man deswegen auch nicht alle automatisch als Rechtsradikale bezeichnen kann – das ist mir wichtig zu sagen –, die müssten aber dennoch wissen, dass sie mit ihrer Stimme auch Politikern Macht geben, die in unserem Land nichts als Angst, Hass und Hetze verbreiten.
Jom Kippur, das Fest der Versöhnung, das höchste Fest der Juden. 51 Menschen sind in der Synagoge von Halle. Hätte die Holztür nicht gehalten, es hätte ein unbeschreibliches Massaker gegeben! Es ist nicht übertrieben, von einer neuen Qualität rechtsradikaler Gewalt zu sprechen, von einer neuen Form des Terrorismus, begangen von vermeintlich »einsamen Wölfen«. In Wahrheit aber bilden diese Wölfe ein wachsendes, weltweit vernetztes Rudel. Einer dieser Wölfe macht sich selbstständig und erschießt den Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke auf dem Balkon seines Hauses. Das Alarmierende ist: So etwas hat einen Nährboden, bereitet sich unter der Decke vor nach dem Motto: »Nun übertreibt mal nicht! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.« Es reicht ein Blick auf die Mitte unserer Gesellschaft: Im Fernsehen konnte man erfahren, 40 Prozent der Deutschen seien der Meinung, man rede zu viel über den Holocaust.
In Freiburg ging Mitte Juli 2019 ein 61-jähriger Mann auf die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde los und rief: »Sind wir hier in Deutschland oder im Judenland?« Und: »Mich wundert nicht, dass Hitler euch vergast hat, ihr Idioten!« In Hemmingen bei Hannover fand im Mai 2019 ein altes jüdisches Ehepaar morgens einen Brandsatz auf der Fußmatte und in roter Farbe auf der Haustür das Wort »Jude!«. In Bamberg stand monatelang auf einer Brückenmauer: »Kauft nicht bei den Juden!« Die Grenze des Sagbaren hat sich verschoben. Aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden Taten. »Der Weg von der Verharmlosung über die Gutheißung bis zu Nachahmung [ist] erschreckend kurz.« (Bischof Ulrich Neymeyr) »Hat Deutschland die Lehren der Nazizeit vergessen?« (Kommentar der New Yorker Times).
Dabei leben wir doch, bei allem, was es immer wieder zu verbessern gilt, in der freiesten Republik, die wir jemals hatten. Es ist ein freundliches, sicheres, tolerantes Land, für die meisten Migranten geradezu ein »Sehnsuchtsland«, wenngleich sie damit vielleicht auch falsche Vorstellungen verbinden mögen. Deutschland hat nach dem Krieg systematisch versucht, seine unselige Vergangenheit aufzuarbeiten. Das wurde auch vom Ausland mit Respekt und Anerkennung honoriert. Heute tragen wir Verantwortung. Frieden und Freiheit müssen immer neu verteidigt werden.
Liebe Gemeinde, ich weiß, manche sagen auch: »Solche Themen gehören nicht in den Gottesdienst. Die Kirche soll sich raushalten aus der Politik. Spielt euch nicht zu Moralaposteln auf. In der Kirche geht es um Gott und nicht um Politik.  Erzählt lieber von eurem Glauben.«
In Ordnung, dann sage ich, was ich glaube: In meinem Glauben ist Gott ein Gott der unbedingten Liebe zu allem, was lebendig ist. In meinem Glauben zählt das Gebot der Nächstenliebe: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« In meinem Glauben beziehe ich mich auf Jesus, der als Jude aufgewachsen ist, als Jude gelebt und als Jude geglaubt hat, der sich als Teil des großen Bundes verstanden hat, den Gott mit den Israeliten geschlossen hat, der bis heute gilt. In meinem Glauben gilt, dass jeder Mensch – schwarz oder weiß, arm oder reich – eine unantastbare Würde hat. In unserem Grundgesetz steht nicht: Die Würde der Deutschen ist unantastbar, sondern die Würde des Menschen ist unantastbar, eines jeden Menschen! Generell und immer! In meinem Glauben weiß ich, dass ich mich auch irren kann, ich weiß, dass auch die Kirche seit dem Mittelalter immer wieder an den Juden schuldig geworden ist. Aber mein Orientierungspunkt bleibt dieser Glaube an den Gott der Liebe.
Wenn ich also von Gott erzählen soll, dann kann ich die Welt nicht auslassen. Der Glaube gehört einerseits zum Persönlichsten des Menschen, aber er hört nie im Privaten auf. Und umgekehrt: Wenn ich politisch denke und rede, hat das auch mit meinem Glauben zu tun. Das Evangelium hat immer auch eine politische Dimension. Wir müssen als Kirche nicht Politik betreiben im üblichen Sinn. Aber wir müssen sagen, woher wir unsere Maßstäbe beziehen, woran wir glauben und was für uns gilt. November 2019. Es gibt Situationen, in denen man nicht schweigen darf. In denen man reden muss! In der dunkelsten Stunde der Geschichte unseres Landes, als die braunen Machthaber ihren Traum von der germanischen »Edelrasse« und vom »völkischen Herrenmenschen « träumten, als blonde Haare und braune Uniformen etwas galten, da stieg in Münster Kardinal von Galen auf die Kanzel der Lambertikirche, und was er sagte, drang bis ins Führerhauptquartier: »Es ist dir nicht erlaubt! 5. Gebot: Du sollst nicht töten!« Glaube und Politik? Anders als damals kann es auch gut ausgehen: Bevor die Mauer fiel, versammelten sich Christen und Nichtchristen in den Kirchen der DDR zu Friedensgebeten, dann zogen sie unter Lebensgefahr auf die Straße. Mit der einen Hand hielten sie eine Kerze, mit der anderen Hand schützten sie das Licht, so blieb keine Hand mehr frei für Gewalt. »Wir sind das Volk!« – Gebet und Protest. Und das Wunder geschah: Die Mauer fiel! >>

                                      Predigt: Werenfried Wessel, ofm in Franziskaner Mission 1-2020 S. 28f

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