Lesungen          Gottesdienste

Kraftquellen vor Ort - von Andrea Schwarz

Nach meinem Vortrag zum Thema „Kraftquellen, aus denen ich lebe“ auf der Insel Spiekeroog saßen wir im kleinen Kreis noch ein wenig beieinander – „hinter’m Turm“. Die Kirche St. Peter liegt am Westrand des Ortes und wenn man auf die andere Seite der Kirche geht, hat man nur noch die Dünenlandschaft vor sich – und die Weite des Himmels.
Der Wind hatte aufgefrischt – die Wolken zogen schnell, wechselten Form und Farbe, letzte Reste von Tageslicht hingen am Horizont. Langsam brach die Dunkelheit herein, der Abendstern zeigte sich – und dann ging im Süd-Osten der Vollmond auf. Ab und an aus der Ferne der Ruf eines Vogels, leise, ruhige Gespräche, ein Glas Wein … aber immer wieder ging mein Blick in die Weite hinaus, über der das Licht des Mondes lag.
Fast war es wie eine konkrete Umsetzung dessen, was ich im Vortrag gesagt hatte: Orte und Zeiten können Kraftquellen sein, wenn ich sie bewusst wahrnehme, Weggefährten sind wichtig, mit denen ich im Glauben an Gott verbunden bin, auch wenn sich die Wege vielleicht nur für einen Abend kreuzen. Den Rhythmus von Tag und Nacht erleben, die Faszination der Natur … in dieser Stunde kam vieles zusammen, was einfach gut tat, Frieden schenkte, Balsam für die Seele war.
Als es kühl wurde, löste sich die Runde auf, aber ich stand noch lange draußen, schaute den Wolken zu, dem Licht des Vollmondes – und sah auch noch eine Sternschnuppe.
Am nächsten Morgen, in den Häusern war noch alles ruhig, saß ich mit einem Tee vor der Tür. Zur Kirche führt ein Plattenweg, etwa drei Meter breit, rechts und links davon wachsen wilde Gräser, circa 30 cm hoch. Plötzlich entdeckte ich den kleinen Kopf eines Vogels, der sich für einen Moment hochreckte und wieder verschwand – und einen halben Meter entfernt noch einen kleinen Kopf. Und dann stand da plötzlich am Rand des Weges eine Fasanenhenne, sicherte circa eine Minute, trippelte dann bis zur Mitte des Weges und blieb da stehen. Neugierig beobachtete ich, was jetzt wohl passieren würde. Aus dem Gras tauchte ein Küken auf, rannte zur anderen Seite und versteckte sich da sofort wieder. Die Henne blieb in der Mitte stehen – und dann kam ein zweites Küken, riskierte den Übergang – und weg war es. Die Henne machte einige Schritte zur anderen Seite, schaute sich aber nochmal um. Und dann kam schließlich noch ein drittes Küken, so ein kleiner Nachzügler, und als es in Sicherheit war, tauchte auch die Henne wieder in das hohe Gras ein – und von der kleinen Familie war nichts mehr zu sehen.
Ich musste schmunzeln … die Szene erinnerte mich doch sehr an die Schülerlotsen vor unseren Schulen! Und dieses Geschenk der Natur, die umsichtige Fasanenmutter und ihre drei Küken – das war grad noch einmal so eine Kraftquelle am frühen Morgen.
Mit diesem Lächeln und dem Frieden der nächtlichen Vollmond-Stunde im Herzen konnte ich dann auch wieder gut mit der Fähre zurück aufs Festland und in meinen Alltag fahren.
Um solche Kraftquellen zu entdecken, muss man gar nicht erst groß in den Flieger steigen, die liegen manchmal ganz einfach direkt vor der Tür … 
                                    Artikel als Blog veöffentlicht auf der Internetseite des Bistums Osnabrück                                         Foto: Nikolas Loth in www.Pfarrbriefservice.de