LesungenDas schwarze Brett 2Gottesdienste

„Da hilft nur noch beten“ - echt jetzt?!?

In Gesprächen der letzten Zeit höre ich am Ende oft ein resigniertes „Da hilft nur noch beten!“ Ich vermeide dann, genauer nachzufragen, wie das jetzt gemeint ist. Denn so oft hat Beten gerade nicht geholfen. Wenn ich an die Kinder des Warschauer Ghettos denke, wenn mir die Opfer menschlicher Im GebetGrausamkeiten in den Sinn kommen, wenn mir die Dramen vor Augen stehen, die Naturkatastrophen verursachen - und auch, wenn ich auf die schwierigen Herausforderungen unserer Zeit sehe… „Da hilft nur noch beten“? Am liebsten würde ich antworten „Echt jetzt?!? Wo denn, wann denn, wie denn? Beten hat den meisten nicht geholfen.“ Von Amtswegen her bin ich allerdings ein Vertreter der betenden Zunft. Und so muss ich eine Antwort auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Gebetes finden. Beeindruckt hat mich ein Wort von Albert Schweitzer (1875-1965): „Gebete verändern die Welt nicht. Aber Gebete verändern die Menschen und Menschen verändern die Welt.“ Gerade jetzt steht mir vor Augen, wie dringend wir Menschen guten Willens brauchen, die mit Haut und Haaren nach einem Impfstoff gegen das Corona-Virus suchen. Gerade jetzt wird besonders deutlich, wie wichtig es sein wird, wissenschaftliche Fortschritte allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Gerade jetzt merke ich, wie wichtig Menschen guten Willens sind, die sich wirksam und vertrauenswürdig für die Menschen in Not einsetzen. Gerade jetzt weiß ich, dass ganz viele Menschen unentwegt dabei sind, Lösungen und Hilfen für viele andere bereitzustellen. Wenn ich für mich und die Welt bete, weiß ich mich mit dem großen, unsichtbaren Netzwerk der vielen Menschen guten Willens verbunden. Dieses Netzwerk lebt von der Tätigkeit Vieler und von einer undurchdringlichen mentalen Unterstützung und Verbundenheit dieser Vielen. Beides zusammen wirkt. Und beides zusammen kann Wunder wirken. Allerdings nicht wie eine entfesselte Zauberei, mystisch, irgendwie. Sondern durch ein reales und mentales Netzwerk aller Menschen guten Willens, die die Welt verändern. „Da hilft nur noch beten“ - ja, aber bitte in Verbindung mit den Menschen, für die Menschen und durch die Menschen. Das ist ein Beten, wie es unserem mensch-gewordenen Gott gefällt.
Dr. Andreas Robben, kath. Pfarrer in Weener, Leer, Oldersum und Dechant in Ostfriesland Bild: © congerdesign / cc0 – gemeinfrei / Quelle: pixabay.com

Osterpredigt 2020 von Bischof Bode

Lesungen: Gen 1,1-2,2 Ex 14,15-15,1a Jes 54,5-14 Röm 6,3-11 Evangelium: Mt 28,1-10
„Winzig sind die Argumente des Lebens gegen den Tod.“ Dieser Satz eines modernen Osterliedes, liebe Schwestern und Brüder, ist mir ganz neu in den Sinn gekommen in dieser beispiellosen Zeit und in dieser bisher nie gekannten Weise, die österlichen Tage begehen zu müssen. Unmittelbar vor der Bereitung dieser Predigt habe ich vom Tod unseres Domkapitulars Herbert Brockschmidt und der schweren Erkrankung meines Onkels erfahren. Die gefährlichen Spuren des Coronavirus breiten sich aus, kommen näher und betreffen viele sehr persönlich, nicht nur durch die Krankheit selbst, sondern auch durch die unabsehbaren sozialen Folgen in der ganzen Gesellschaft, und das weltweit. Winzig sind die Argumente des Lebens gegen den Tod. Die vielen Äußerungen von Wissenschaftlern und Politikern – von sehr differenzierten und verantwortlichen bis hin zu sehr populistischen – machen das Argumentieren für das Leben nicht leichter. In der lähmenden Ungewissheit um den Ausgang dieses Prozesses haben die Menschen zwar viel Zeit, aber wenig Muße. Angespannte Unruhe macht sich breit. Winzig sind die Argumente des Lebens und der Hoffnung in einer so bedrückenden Situation. In dem besagten Osterlied heißt es dazu: Aller Augenschein sagt ein Grab ist ein Grab tot ist tot aus ist aus fertig nichts weiter Der Augenschein zeigt tatsächlich Menschen mit Existenzangst, Menschen mit Angst vor Arbeitslosigkeit, Menschen, deren Liebe und Treue zerbrochen oder missbraucht wird, Menschen, die nicht nur wegen Corona weder ein noch aus wissen, denn die Umweltzerstörung, die Leiden der Menschen überall auf der Welt, die totbringenden Kriege gehen ja weiter.
Ja, winzig sind die Argumente des Lebens gegen den Tod. – Die Osterbotschaft in solcher Situation zu verkünden, ist eine ganz besondere Herausforderung. Das Halleluja möchte einem im Hals stecken bleiben. Dennoch brauchen Christen von all dem nichts herunterzuspielen oder zu überspielen. Denn wir feiern in diesen Tagen einen Gott, den das alles nicht kalt lässt. Im Gegenteil. In seinem Sohn Jesus Christus sehen wir einen Menschen vor uns, der Verrat, Verleumdung, Verleugnung, Angst, ja Folter und Tod durchgemacht hat, um Menschen auch dort zu begegnen, wo sie wie er schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir sehen einen Menschen vor uns, der von der Logik des Todes zugrunde gerichtet wird, der aber gerade darin alle an sich zieht, um sie mitzunehmen in ein größeres Leben. Winzig sind die Argumente des Lebens gegen den Tod. Es sind ein weggerollter Stein, aufgefaltete Leinentücher, Begegnungen auf dem Wege, die das Herz brennen lassen, gemeinsames Brotbrechen, Hauch des Geistes. Noch einmal ein Zitat aus dem erwähnten Osterlied: Eine winzige Hoffnung gegen allen Augenschein ein kleines Licht in so viel Finsternis ein paar fassungslose Menschen vor einem leeren Grab ein Halleluja auf den Lippen So schwach die Argumente sein mögen, sie haben doch Geschichte gemacht, die viele menschliche Machenschaften und Mächte überdauert hat und überdauern wird. Es sind Argumente, die unendlich vielen Menschen Hoffnung, Halt und Zuversicht gegeben haben. Es sind Argumente, die ihnen Kraft gaben und geben, Leid und Tod nicht zu verdrängen, sondern auf sich zu nehmen und durchzutragen. Die Argumente des Lebens mögen schwach erscheinen, gerade in dieser geradezu irrealen Zeit, die uns doch so real betrifft. Dennoch spüren ganz viele Menschen durch die Erschütterung ihres Lebens, wie notwendig gute Kommunikation ist, wie sehr wir von der Hilfsbereitschaft und dem Einsatz anderer leben, dass unser Miteinander „auf Abstand“ ein neues Füreinander sein kann in den zahllosen Ideen, die geboren werden für das Bestehen dieser Situation, und wie wertvoll die ungeheure Bereitschaft ist, das Letzte zu geben in all den Bereichen, die dem Erhalt des Lebens unmittelbar dienen. Auch die hohe positive Reaktion auf unsere Gottesdienste im Dom und auf die vielfältigen sinnstiftenden Angebote der Gemeinden sind Argumente des Lebens. Manchem mögen sie winzig erscheinen, sie sind aber von hoher Bedeutung in diesem ganzen Drama. Ostern ermutigt uns, eben doch mehr Leben in allem zu entdecken als das, was dagegenspricht. Wo das gelingt, wo Begegnung geschieht mit dem Auferstandenen in Galiläa und mit seinen Argumenten des Lebens, wird Ostern brisant. Zumal das Osterevangelium uns gleich zweimal nach Galiläa schickt, um dem Auferstandenen zu begegnen. Nach Galiläa, wo alles begonnen hat mit den kleinen und großen Heilungserfahrungen durch Jesus, mit den wunderbaren Gleichnissen und Worten des Lebens und den tiefbewegenden Begegnungen. Dort, wo sich der Neuanfang des Heils gezeigt hat, finden wir den Auferstandenen bis heute: in der Zuwendung zum Menschen in Krankheit und Not; in der Begleitung derer, die nicht allein zurechtkommen; in den vielen Worten und Gesten der Aufrichtung und Zuneigung; in der Neu-Entdeckung des Wortes Gottes und dem schmerzlichen Vermissen des eucharistischen Brotes. Gerade jetzt, gerade heute brauchen wir noch intensiver die Kirche, die nach Galiläa geht, um ganz nah an der Seite der Menschen zu bleiben. Ich konnte nicht ahnen, wie unsere Überlegungen unlängst in der Silvesterpredigt sich in so kurzer Zeit bewahrheiten und noch vertiefen würden. Gott ist der Herr der Geschichte. Er wird alle Tränen abwischen; Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Das Ostergeschehen ist letztlich nicht zu begreifen, aber wir dürfen uns daran klammern, uns mitreißen lassen. Dann eröffnen sich neue Möglichkeiten, mit denen nicht zu rechnen war. Kreuz und Auferstehung befreien aus Ängsten, befreien zu neuem Einsatz für das Leben, für das eigene wie das der anderen, besonders der Verzweifelten, der Armen, der ratlos Suchenden. Gott hat die Lust am Leben nicht verloren. Deshalb ist die Feier dieser Tage des Sterbens und des Auferstehens Christi für uns und für alle in dieser außergewöhnlichen Zeit lebensnotwendig; nicht nur trotz allem, was geschieht an Leid und Tod, sondern gerade deswegen. Denn winzig, aber gewichtig sind die Argumente des Lebens gegen den Tod! Sie geben unserem Leben Zukunft und Hoffnung. Ja, wir dürfen, um mit dem vor 75 Jahren hingerichteten Pater Alfred Delp zu sprechen, auch in dieser Zeit mit ihren tödlichen Gefahren dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. Amen
Bild: Martin Manigatterer in www.Pfarrbriefservice.de

Eine große Familie!  - Ein Impuls von Andrea Schwarz

Liebe Beate,
danke für Deine Mail. Und ich kann gut nachvollziehen, dass Dir die aktuelle Situation Angst macht… die Unsicherheit ist hoch. Aber die Angst hat auch eine wichtige Funktion, sie lässt uns nämlich vorsichtig sein – und genau das ist im Moment angesagt. Diejenigen, die immer noch Partys feiern, sich in Gruppen in Parks treffen, keinen Abstand zu anderen halten, haben keine Angst – und deshalb sind sie nicht vorsichtig und gefährden gerade dadurch sich und alle anderen.
Angst ist eine uralte, menschliche Erfahrung, die beim Überleben hilft. Aber als große Schwester neigt sie manchmal leider dazu, „das Regiment“ zu übernehmen. Und dann kann sie sich sehr lähmend auswirken. Deshalb müssen dann ihre beiden Schwestern ran – das Vertrauen und die Hoffnung. Und die kommen für uns Christen aus dem Glauben. Ostern findet statt – auch ohne Ostergottesdienste! Das Leben wird über den Tod siegen! Das hat Jesus Christus vor 2000 Jahren vorgelebt. Und seine Zusage steht: Siehe, ich bin mit Euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28,20).
Ach ja, und dann gibt es auch noch den großen Bruder, den Verstand. Und der kann ganz klar und ruhig und sachlich sagen: Es gibt keinen Grund zur Panik. Ja, wir alle müssen in diesen Tagen auf einiges verzichten. Viele haben finanzielle Einbußen. Und manche stehen sogar vor dem wirtschaftlichen Ruin. Das ist schlimm! Aber es wird auch mit allen Kräften nach Lösungen und Unterstützung gesucht.
Und ganz da hinten meldet sich auch schon die kleine Schwester Kreativität zu Wort und hat durchaus ein paar ganz spannende Ideen!
Diese große Familie hat viel Potential in sich - wenn sich alle Geschwister miteinander verbünden…

Dir wünsche ich viel Kraft und Mut für die nächsten Tage und Wochen! Sei lieb umarmt – auf dem Weg geht das ja auch immer noch,

herzlichst,

Andrea

 

© Andrea Schwarz

Nicht alles ist abgesagt …

Sonne ist nicht abgesagt
Frühling ist nicht abgesagt
Liebe ist nicht abgesagt
Lesen ist nicht abgesagt
Zuwendung ist nicht abgesagt

Musik ist nicht abgesagt
Phantasie ist nicht abgesagt
Freundlichkeit ist nicht abgesagt
Gespräche sind nicht abgesagt
Hoffnung ist nicht abgesagt
Beten ist nicht abgesagt …

 

Verfasser unbekannt

Stefan Jürgens über "Kirchenmuttersöhnchen" und Männer des Glaubens
Warum unsere Kirche so reformunfähig ist – und wie sich das ändert

Menschen müssen nicht nur körperlich erwachsen werden, sondern auch im Glauben, schreibt Pfarrer Stefan Jürgens in seinem Gastbeitrag. Die gesamte Kirche müsse im Glauben reifen, um mutig in die Zukunft gehen zu können. Auf diesem Weg liegen aber einige Steine.
Glauben ist kein Zustand, sondern ein Weg. Bleibt ein Mensch auf einer bestimmten, meist frühen religiösen Stufe stehen, spricht man vom Kinderglauben. Wenn ein Kind nicht wächst, wird aus ihm kein kleiner Erwachsener, sondern ein Zwerg. Man sollte den Kinderglauben deshalb nicht romantisieren, so als habe eine solche Entwicklungsstufe mit unverdorbenem Vertrauen zu tun, gar mit unverbrauchter und unangezweifelter Gottunmittelbarkeit. Es ist ein Zwergenglaube, der bei der erstbesten Lebenskrise wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Nach meiner Erfahrung gehen menschliche und geistliche Reife Hand in Hand, Beziehungsfähigkeit und Spiritualität sind ein und dasselbe.
Die religiöse Entwicklung vom Kinder- zum Erwachsenenglauben ist der Weg von der Magie zur Mystik. Magie ist dabei die archaische Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt und man nur die richtigen Mittel anwenden muss, um das Göttliche nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen. Mystik ist demgegenüber die konsequente Pflege einer persönlichen Gottesbeziehung. Der Mystiker erfährt Gott als ein liebendes, aber auch herausforderndes Du, dem er sich in Freiheit anvertrauen kann. Gott ist geheimnisvoll, aber nicht unheimlich; vor allem ist er eindeutig, nicht ambivalent.
Kinder- und Erwachsenenglauben lassen sich am ehesten unterscheiden an der Art, wie wir beten. Hier zeigt sich, ob wir magisch oder mystisch sind, ob wir mit unserem Beten Gott verändern oder uns von ihm verändern lassen wollen, ob wir ihn zum Lückenbüßer und Wünscheerfüller machen oder wirklich Gott sein lassen. Im Kinderglauben ist das Gebet eine magische Beschwörung, durch die man Gott herbeirufen will. Im Erwachsenenglauben ist Gott der Ewige und Heilige, der unverfügbar bleibt, jedoch mit all seiner Liebe am Menschen interessiert ist. In der Magie soll Gott das tun, was der Mensch will, im Glauben darf der Mensch danach fragen, was Gott will, und es mit seiner Hilfe dann auch tun. Entsprechend kann man auch die Sakramente der Kirche als Heil- und Wundermittel magisch missverstehen oder sie als beziehungsstiftende Realsymbole begreifen, die erinnernd vergegenwärtigen, was Gott uns längst geschenkt hat.
Kinder nehmen die Bibel wörtlich, Erwachsene nehmen sie ernst. Entsprechend verliert bei Erwachsenen, die sich religiös nicht entwickeln konnten, die Bibel oftmals ihre zauberhafte Plausibilität, sobald sie mit den Erkenntnissen der modernen Exegese konfrontiert werden. Wer im Glauben gereift ist, wird sich nicht mehr am Buchstaben festhalten, sondern akzeptieren, dass die Bibel subjektive Erfahrungen enthält, die durch die Gemeinschaft der Glaubenden intersubjektiv geworden sind und durch deren Tradition Gewicht bekommen haben.

Ursachen für den Kinderglauben
Kinder lernen durch Nachahmung, Erwachsene durch Reflexion. Wer als Kind keine erwachsenen Glaubensvorbilder hatte, wird es schwerer haben, selbst im Glauben erwachsen zu werden. Wer über Omas Schutzengelgebete nicht hinausgekommen ist, wird Gott für eine Schutzmacht halten, die dafür zuständig ist, sicher über die Straße zu kommen. Wer Gott als einen Kontrolleur oder Schnüffler erfahren hat, der als Erziehungsmittel missbraucht worden ist; als einen Gott, der durch Gebote und Verbote regiert und mit Lohn und Strafe agiert, wird es schwerer haben, an die Liebe Gottes zu glauben. Wer als Kind nur moralisierende Predigten gehört hat, ja wer nur das vormoderne, theologieferne und stets ausweichende Geschwafel der meisten Kirchenmänner kennt, wird keine Spiritualität entwickeln, die über das Gemüt hinausgeht und auch intellektuell anspricht. Wenn der Glaube zu klein ist, wächst man heraus; der muss zu groß sein, dann kann man hineinwachsen.
Die Ursünde des Menschen ist: sein wollen wie Gott. Die Ursünde der Kirche ist der Klerikalismus, denn hier maßen sich Menschen im Grunde genommen dasselbe an, indem sie zwar nicht Gott, aber doch zumindest seine Stellvertreter sein wollen und dabei so tun, als würden sie – und nur sie – seinen Willen genau kennen. Klerikal ist dabei nicht eine bestimmte Theologie oder Kleidung, sondern ein archaisch-magisches Machtgefälle. Wo eine Gemeinde oder eine Diözese ihren Leiter als skurrilen Schamanen erlebt und sogar akzeptiert (Klerikalismus von unten) und wo ein Geweihter sich selbst von den so genannten Laien abgrenzen muss, um seine wankende Identität zu stärken oder gar die eigene Unsicherheit zu verstecken (Klerikalismus von oben), entstehen Misstrauen und Angst. Die Christen an der Basis schauen noch viel zu sehr nach oben, man möchte möglichst mit dem "Chef" sprechen, also mit dem jeweils verfügbaren ranghöchsten Kleriker. Der Grund ist wieder die Infantilität des Gottesvolkes: Nur unmündige Kinder brauchen Väter, erwachsene Christen haben Geschwister!
Als am schädlichsten für die Entwicklung eines erwachsenen Glaubens erweist sich die typisch klerikale Koalition aus Angst und Macht. Wer sich nur religiösen Autoritäten unterzuordnen gelernt hat, wird keine eigene christliche Identität ausbilden, sondern infantil bleiben. Wer sich zeitlebens selbsternannten geistlichen Vätern oder einer übermächtigen Mutter Kirche unterzuordnen hatte, wird niemals ein erwachsener Christ oder eine erwachsene Christin werden. So hat man vielen Christen nur ein Autoritätsgewissen zugestanden, das dem Lehramt zu gehorchen hat. Das Gewissen als oberste Instanz wurde nur verbal propagiert, nicht jedoch beherzigt, besonders im Bereich der typisch katholischen kollektiven Sexualneurose, deren detailverliebte Normen häufig nur ein Spiegel der Phantasie ihrer Urheber, nicht aber hilfreich sind.

Wie man im Glauben erwachsen wird
Wie wird man im Glauben erwachsen? Bei den meisten Menschen ist dies ein fließender Übergang. Ihre ganz natürliche kindliche Religiosität entwickelt sich zum erwachsenen Glauben, indem sie den ererbten Glauben zunächst rituell mitvollziehen und dann immer mehr durchdringen, verstehen und auch bejahen können. Archaische Vorstellungen schließen sich aus, Erfahrungen mit dem Gebet und dem Gottesdienst der Gemeinde eröffnen eine persönliche Mystik, einen personalen Glauben, eine eigene Gottesbeziehung.
Viele Menschen verlieren ihre kindliche Religiosität abrupt. Dies geschieht meistens im Jugendalter, wenn auch viele andere Wertesysteme losgelassen werden. Die religiöse Sehnsucht ruht dann für eine Zeit, man wendet sich ganz innerweltlichen Erlebnisräumen zu und lässt die Kinderschuhe des Glaubens irgendwo stehen, ohne sie zu vermissen. Wessen religiöse Entwicklung im Jugendalter endet, ohne erwachsen zu werden, wird sich zeitlebens an kirchlichen Autoritäten abarbeiten und dabei möglicherweise Jesus Christus gar nicht kennenlernen, er wird Rebellion und Nachfolge pubertär verwechseln.
Wenige Menschen haben das Glück, eine wirkliche Bekehrung zu erleben. Diese entspricht dann einer ganz plötzlichen Entwicklung vom Kinder- zum Erwachsenenglauben. Bekehrung heißt im Neuen Testament Metanoia, was eher ein Umdenken, ein Größerdenken bedeutet als eine bloß moralische Kehrtwendung; sie wird häufig als Befreiung erlebt, da man sämtliche kindlichen Gewissheiten und Geborgenheiten hinter sich lässt und gerade dadurch zu einer persönlichen, jetzt entmagisierten Gottesbeziehung findet. Man verzichtet auf die "Tröstungen der Religion" (Simone Weil) und stellt sich stattdessen den Herausforderungen des Lebens.

Pastorale Wegmarken
Kinder brauchen Eltern, die im Glauben erwachsen sind. Denn die Kinder möchten über den Glauben der Eltern staunen und ihn als nachahmenswert erfahren. Jugendliche brauchen Eltern, deren Glaubenspraxis sie kritisch hinterfragen können und die ihren Glauben gerade deshalb treu durchhalten. Wenn Eltern in ihrer eigenen Glaubenstreue nachlassen, sobald ihre jugendlich gewordenen Kinder keine Lust mehr haben, werden ihre Religiosität und ihr Wertesystem bald als bloßes Erziehungsmittel entlarvt und für unglaubwürdig gehalten. Kinder und Jugendliche brauchen Erzieherinnen, Lehrer und Katecheten, die nicht nur ihr fachliches und pädagogisches Handwerk verstehen, sondern wahrhaft Zeugen sind. Man kann auch ohne Missionsabsichten Zeuge sein, indem man zu dem steht, wer man ist und was man tut. Zeugnis geben ist besser als zu überzeugen oder gar zu überreden. Christen brauchen Seelsorger (m/w/d), die der Kirche gegenüber kritisch-loyal sind, die im Gebet bleiben, in der Bibel und in der Welt zu Hause sind und geistlichen Tiefgang haben, und deren Spiritualität am konkreten Lebenswandel erkennbar ist. Nur im Kontakt mit solchen Seelsorgern können Menschen reifen, die auf der Suche nach Gott sind, andernfalls werden sie nur Scheinautoritäten erleben, die etwas behaupten, von dem sie nichts verstehen.
Mein Eindruck ist, dass die katholische Kirche gerade deshalb so reformunfähig ist, weil viele ihrer leitenden Persönlichkeiten ängstlich statt mutig, müde statt vital, kindlich statt erwachsen sind, mehr Kirchenmuttersöhnchen als Männer des Glaubens. Solange Frauen von Weiheämtern ausgeschlossen sind, werden die leitenden Männer allein aufgrund ihrer wagenburgartigen Selbstbezüglichkeit nicht reif. Die aktuelle Reformdebatte zeigt, dass die Kirche als Ganze erwachsen werden muss.

Von Stefan Jürgens

Der Autor
Stefan Jürgens wurde 1968 geboren und 1994 zum Priester geweiht. Er ist Pfarrer in Ahaus und Alstätte im westlichen Münsterland. Zuvor war er unter anderem Jugendseelsorger, Geistlicher Rektor einer Akademie und Sprecher beim "Wort zum Sonntag" in der ARD. Der Artikel ist eine gekürzte Fassung eines Beitrags in der Zeitschrift COMMUNIO. Vom Autor ist zuletzt erschienen: "Ausgeheuchelt! So geht es aufwärts mit der Kirche" (Herder 2019).
Bild: © Christof Haverkamp

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